Digital DivideForschungJugendliche Medienwelten

Mehr als Defizit? Digitale Medien und Marginalisierte Jugendliche

Beispiel für Unterstützungsangebote zur Arbeits- und Ausbildungssuche im Jugendzentrum. (c) Jovicic
Beispiel für Unterstützungsangebote zur Arbeits- und Ausbildungssuche im Jugendzentrum. (c) Suzana Jovicic

Ein Jugendzentrum am Rande von Wien, ein unscheinbares Gebäude neben einem großen Gemeindebauprojekt. Die Räume sind großzügig aber dunkel, durchbrochen von sozialen Inseln: bunte, gespendete Sofas, die einladend im Kreis stehen. In einer ruhigen Ecke sitzt Mehti, ein 15-jähriger Geflüchteter aus Tschetschenien, sein gesenktes Gesicht leuchtet rot in der Dunkelheit. Auf den ersten Blick ein stereotypischer Anblick – ein Jugendlicher und ein Smartphone-Zombie, desinteressiert an der Realität und verloren in einer Welt von mobilen Spielen und sozialen Medien, die nach seiner Seele lechzen. So zumindest das Stereotyp, das mir immer wieder begegnet, wenn ich über meine Forschung spreche.

Digital Divide 2.0?

Jugendliche wie Mehti, mit Migrationshintergrund oder aus einkommensschwachen Familien kommen in dieser Ansammlung von Stereotypen noch schlechter weg. Denn, „Digital Divide“ heißt schon lange nicht mehr, ob man Zugang zu digitaler Infrastruktur hat, sondern wie man digital unterwegs ist. Gardner und Davis unterscheiden beispielweise zwischen einer passiven abhängigen oder aktiven kreativen Nutzung digitaler Medientechnologien1. Jugendlichen mit weniger Zugang zu (als nützlich erachteten) digitalen Kompetenzen wird dabei nicht selten wohlwollend ein „defizientes“ Medienverhalten unterstellt. Doch dahinter steckt eine Wertung – passiv ist schlecht, aktiv und vor allem produktiv ist gut.

Ein klassisches Narrativ

Das ist verständlich. Denn, nur weil es inzwischen free Wi-Fi oder günstige Handys auf dem Markt gibt, heißt es noch lange nicht, dass man automatisch ein selbstoptimierter „digital native“ wird. Frühe Schulabgänger*innen und Jugendliche, die beispielsweise Handwerksberufe anstreben, verlassen die Schule oft mit wenigen Computerkenntnissen. Selbst wenn zu Hause ein Computer steht (und in die Statistiken eingeht), wird er nicht selten mit weiteren Familienmitgliedern geteilt. Das hässliche Gesicht der Ungleichheit hat sich besonders während COVID-19 bedingter Maßnahmen zum Homeschooling gezeigt2. Viele Jugendliche sind für die Lehrer*innen von der Bildfläche verschwunden3. Zum massiven Rückgang der Lehrstellen und zur hohen Arbeitslosigkeit4 kommt dazu, dass viele Jugendliche ihre Bewerbungen nicht ohne einen Computer schreiben konnten, und in unterstützenden Institutionen wie in den Jugendzentren monatelang gespenstige Stille herrschte. Ohne Computer und passende Kompetenzen haben Jugendliche wie Mehti noch weniger Chancen auf eine Ausbildung oder einen Job, als ohnehin schon.

Doch es ist kompliziert…

Doch dahinter steckt mehr als nur ein defizientes Medienverhalten. Mehti hat 6 Geschwister und wohnt in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung. Schon vor COVID-19 war es dort eng. Das Jugendzentrum ist für den ruhigen Mehti ein Zufluchtsort, der Freiheit verspricht. So auch das Smartphone in seiner Hand. Aus seiner Sicht frisst es nicht seine Privatsphäre – es schafft sie. Es ist weniger ein Produktivitätskiller, als ein lebensbejahender sozialer Puls, der ihm Luft zum Atmen gibt, Mobilität verschafft, eine Fernbeziehung mit Tschetschenien ermöglicht, eine kostenlose Freizeitaktivität und etwas womit schließlich kleine Erfolge in Spielen möglich sind5. Mehti, in seinem wackligen Status als Flüchtling, mit einem „grauen“ Flüchtlingspass, baut sein Leben auf Unsicherheit auf. Das Smartphone, als ein intimer Zufluchtsort zum Mitnehmen und Festhalten, ist mehr als eine Produktivitätsmaschine.

In Relation gesetzt

Im Rahmen meiner ethnographischen Forschung6, bei der ich über ein Jahr hinweg vielen Jugendlichen durch wöchentliche Besuche in zwei Jugendzentren begegnen konnte, habe ich viel Unsicherheit gesehen. Fragmentiere Schicksale, Orientierungslosigkeit, hohe Arbeitslosigkeit, eine Stagnation des Erwachsen-Werdens und vor allem viel Warten: auf eine Ausbildung, einen Job, darauf, dass das Leben weitergeht. Stundenlanges Spielen oder Scrollen durch den Instagram Feed ist dabei kein Defizit – es ist eine Überlebensstrategie. Nie war uns das so klar wie im monatelangen Lockdown. Plötzlich wurden Stimmen laut, dass man vielleicht doch nicht immer produktiv sein muss oder kann, wenn nichts zu tun ist. Für Jugendliche wie Mehti ist das alternativlose Warten keine Ausnahme.

Suzana Jovicic ist ÖAW DOC-team Stipendiantin und Dissertantin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie. In Rahmen ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit persuasivem Design im Kontext von Arbeitslosigkeit, Warten und Langenweile unter marginalisierten Jugendlichen in Wien. Zudem entwickelt sie, zusammen mit Kolleg*innen Barbara Göbl und Dayana Hristova, ein Serious Game für Jugendliche: www.yoeda.at. Suzana Jovicic schreibt auch für den Blog der Digital Ethnography InitiativeSmartphones “In-Between” or: What Do Smartphones Have in Common With Doors?*„. Die Autorin ist erweitertes Mitglied der Forschungsplattform #YouthMediaLife.

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  1. Gardner, H. und Davis, K. (2013). The app generation: How today’s youth navigate identity, intimacy, and imagination in a digital world. Yale University Press.
  2. CoV bremst Kinder- und Jugendarbeit aus, ORF, 17.05.2020 https://wien.orf.at/stories/3048972/
  3. Verloren im Lockdown, Falter 23/20, 02.06.2020 https://www.falter.at/zeitung/20200602/verloren-im-lockdown
  4. Gähnende Lehre, Falter 25/20, 16.06.2020 https://www.falter.at/zeitung/20200616/gaehnende-lehre
  5. Miller D., Wang, X., Costa E., Spyer, J., Sinanan, J., Haynes, N., Nicolescu,R., Venkatraman, S., and McDonald, T. 2016. How the World Changed Social Media. UCL Press.
  6. Jovicic, S., Göbl, B., Hristova, D. (2019). Verspielte Grenzen des Digitalen: Relationalität und Verhandlung gamifizierter Räume in Wiener Jugendvereinen. Wien: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, 149, 177–194

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